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Kuscheltücher

Thema am 07.11.2003 in der Freitagsgruppe:

Sind Kuscheltücher heute noch up-to-date?

Viele von euch kennen die Geschichte von den Kuscheltücher. Für die Anderen zum kennenlernen, und für die Einen zum auffrischen, hier eine kleine Kurzfassung.

Vor langer Zeit lebten unsere Altvordernen in einem lieblichen Tal umrandet von sanften grünen Hügeln. Aus den Kaminen ihrer Hütten stieg lustiger weißer Rauch in den satten blauen Himmel hinauf. Die Menschen waren zufrieden mit sich und ihrer Umwelt. Alle hatten einen kleinen Beutelchen um ihre Hüften gehängt. In diesem Beutelchen waren neue frische Kuscheltücher. Mit diesen Kuscheltüchern hatte es folgende Bewandtnis. Immer wenn jemand einen Schmerz hatte, kam sofort ein Anderer, griff in sein Beutelchen und reichte dem ersten ein Kuscheltuch. Dieses fühlte sich weich und flauschig an, und der Schmerz war verschwunden. Fiel ein Kind hin und weinte, kam ein Erwachsener oder ein anders Kind, gab ihm ein Tüchlein aus seinem Beutelchen und tröstete es damit. Hatte jemand Leid oder fühlte jemand sich schlecht, ging er zu einem der Talbewohner und bat um ein Kuscheltuch, welches ihm auch sofort gegeben wurde. Die Kuscheltücher gingen nämlich nie aus. Es waren immer, wenn man sie benötigte, Kuscheltücher in dem Beutel. Und so ging das Leben seinen Gang, und alle waren glücklich und zufrieden.

Eines Tages aber, stand ein böser Hexenmeister auf dem Dorfplatz. Ihm missfiel sehr, was er dort sah. Glücklichsein und Zufriedenheit, dies hasste er bis in die tiefsten Spitzen seiner schwarzen Seele. Er beschloss, dass Treiben in dem Tal grundlegend zu ändern. Er richtete sich außerhalb des Dorfes in einer halbzerfallenen Hütte wohnlich ein, und dort begann er seine Kuscheltücher herzustellen. Es waren nasse, kalte, ekeligriechende Fetzen. Er machte sie jedoch so geschickt, dass beim ersten Blick, seine Fetzen nicht von den schönen, warmen und kuscheligen Tüchern zu unterscheiden waren.

Nun überredete der böse Hexenmeister die Menschen seine Tücher anstelle der ihren zu verwenden. Er brachte Zweifel unter den Talbewohnern, ihre Kuscheltücher könnten eines Tages ausgehen. ‚Dann, wenn man sie wirklich bräuchte, wären keine mehr da’, redete er ihnen ein. Und die Menschen glaubte ihm! Sie verwendeten immer häufiger die falschen Kuscheltücher, mit fatalen Folgen.

Jeder der solch ein falsches Kuscheltuch bekam, fühlte Wut und Enttäuschung über den Geber. Und bald darauf herrschte nur noch Zwietracht und Hass unter den Talbewohnern. Das Leben wurde immer beschwerlicher und verzweifelter. Die Menschen wussten nicht mehr ein noch aus. Einige unter ihnen wurden sündhaft reich, in dem sie die echten Kuscheltücher aufkauften, und so zusätzlich zu der vermeintlichen Knappheit der Tücher beitrugen. Dies brachte erneut Neid und Missgunst unter die Menschen. Der Hexenmeister freute sich. Er hatte ganze Arbeit geleistet.

Ganz vereinzelt taten sich kleine Gruppen von Talbewohnern zusammen. Sie konnten es nicht mehr ertragen, das überall Neid, Unbehagen, Bosheit, Niedertracht und Gemeinheit herrschten. Sie trafen sich, um sich gegenseitig Kraft zu geben.

Jetzt in der heutigen Zeit erhebt sich immer noch die Frage nach der Aktualität von echten Kuscheltüchern. Heute streben wir nach Erfolg, im Beruf wollen wir vorankommen und setzen zunehmend rücksichtsloser die Ellenbogen ein. Schon in der Schule ist es wichtig gute Noten zu erhalten, für den weiteren Lebensweg. Unsere Welt ist immer kälter geworden. Immer schneller, immer höher und immer weiter, dies sind die Versprechungen, die uns gemacht werden. Der Erfolgsdruck, den die Gesellschaft, oder wer auch immer einfordert wächst ins Unermessliche. Wir wollen nicht im Abseits stehen, und mühen uns deshalb mit allen Mitteln den Anforderungen gerecht zu werden. Mehr noch, wir selbst stecken die Ziele immer höher, und sprinten dann mit hechelnder Zunge hinterher. Dabei verlieren wir nur all zu gerne die Anderen aus den Augen, und uns selber tun wir damit auch keinen Gefallen.

Doch halten wir einmal inne. Manchmal werden wir ins Abseits gestellt, oder stellen uns selbst dorthin. Von der Gesellschaft werden wir vielleicht in die Arbeitslosigkeit, von der Natur in eine Krankheit, manchmal in eine unheilbare, gestellt. Und spätestens dann stellt sich auch für uns die Frage nach den Kuscheltüchern. Nach Beistand und Trost. Nach Unterstützung und Mitgefühl.

Und so denke ich, Kuscheltücher sind auch heute noch up-to-date. Kuscheltücher sind heute noch wichtig, wichtiger vielleicht mehr denn je.

Wolfgang,
im November 2003

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Aktualisiert am 13.03.2009 / © 2003-2009 Freundeskreis Westallgäu
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